Ausstieg aus den Tierversuchen: COVID-19 ist mögliche Wende in der Forschung

Johanna Köll, DIE LINKE

Das Tierversuchsmodell in der Forschung ist seit 1970 stark umstritten. In Österreich stieg die Zahl der angewendeten Tierversuche drastisch an. So wurden 2017 mehr als 264.000 Tiere für Versuche verwendet. Erst 2018 gabe es einen leichten Rückgang, vor allem bei Kaninchen ging die Zahl von 10.000 auf rund 3.000 zurück. Der Grund waren anhaltende Proteste gegen die an Kaninchen durchgeführten Pyrogentests (Nachweise von durch Medikamente, Infusionen und Injektionen übertragbare Substanzen aus Bakterien, die Fieber,  Blutdruckabfall, Multiorganversagen und letztlich den Tod auslösen können). Seitdem werden für diese Tests tierversuchsfreie Methoden verwendet.

Immer wieder sorgen schockierende Aufnahmen aus solchen Tierversuchslaboren für Entsetzen. Erst letztes Jahr wurden Aufnahmen aus einem Hamburger -Tierversuchslabor (LPT-Laboratory of Pharmacology and Toxicology) vom Verein Soko Tierschutz veröffentlicht, die endlich zu der Schließung des Labors nach 50 Jahren führte. Das Tierversuchsgesetz stammt aus dem Jahr 1988, ist also fast 20 Jahre alt! Das österreichische Tierschutzgesetz schreibt vor: “ Tierversuche sind unzulässig, wenn es wissenschaftlich zufriedenstellende und rechtlich zulässige Methoden ohne lebende Tiere gibt oder die Ergebnisse des gleichen Tierversuchslabor schon vorliegen.“  Die vom Tierversuchsgesetz vorgesehene Kontrollkommission darf nur Empfehlungen abgeben, aber keine unnötigen oder unethischen Versuche verbieten. Es werden immer wieder Versuche bekannt, die gegen die Empfehlung der Kommission vom Ministerium bewilligt und dann von den ExperimentatorInnen durchgeführt werden. Zudem besteht die Kommission zum Teil selbst aus TierexperimentatorInnen, die daher als objektive, die Interessen der betroffenen Versuchstiere vertretende Kontrollinstanz wohl kaum ernst genommen werden kann. Die durch das neue Bundestierschutzgesetz geschaffenen Tierschutz-Ombudschaften können sich nicht für die Interessen der Versuchstiere einsetzen, da Tierversuche im Tierschutzgesetz ausgenommen sind.

Narrenfreiheit und Profitgier im Namen der Forschung  in Österreich

1976 gab es in Österreich ein Primatenzentrum, wo Versuche an Menschenaffen z.B. Schimpansen, Bonobos u.a. durchgeführt wurden. Diese Tiere wurden im Labor in einem Keller in nur Körpergröße  Käfigen gehalten. An Ihnen wurde Gelbsucht erforscht. Es stellte sich heraus, dass die Tiere das Virus zwar in sich trugen, aber selbst nicht erkrankten. 23 Jahre lang ergab sich keine relevanten Ergebnisse. 1999 wurde die Versuchsreihe endlich eingestellt.  2010 ließ eine weitere Versuchsreihe der Medizinischen Universität Innsbruck und des Zentrums für Notfallmedizin Bozen  an Sinnhaftigkeit zweifeln: Zu Zwecken der  Lawinenforschung wurden Schweine unter Schneemassen begraben.Sie werden dafür betäubt und an Geräte angeschlossen. Je nach Größe der Atemhöhle verfolgten die “Wissenschaftler” über Minuten oder Stunden das langsame Ersticken der Tiere. Andere Schweine werden nur bis zum Kopf im Schnee vergraben und beim Erfrieren beobachtet.  „In der dramatischen Situation nach einer Bergung können Notärzte somit besser beurteilen, ob und für welche Opfer reelle Überlebenschancen bestehen.“ War eine Begründung der Versuchsleiter. Wodurch Menschen bei Lawinen sterben und wie lange das dauert, sei aus jahrzehntelanger Erfahrung bekannt, kritisierten völlig berechtigt Tierschutzorganisationen. [Quelle https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/lawinen-experiment-forscher-lassen-schweine-im-schnee-sterben-a-671990.html]

In der Öffentlichkeit herrschen oft unklare Vor­stellungen darüber, was ein Tierversuch ist. Im österreichischen Tierversuchsgesetz 2012 (TVG 2012) ist das genau definiert: „jede Ver­wendung von Tieren zu Versuchs­, Aus­bildungs­ oder anderen wissenschaftli­chen Zwecken […], die bei den Tieren Schmerzen, Leiden, Ängste oder dauer­hafte Schäden […] verursachen kann“.

Die Durchführung von Tierversuchen unterliegt genauen rechtlichen Vorschriften, die 2010 auf EU Ebene durch die Richtlinie 2010/63/EU zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke ver­wendeten Tiere neu geregelt wurden. Seit dem 1. Jänner 2013 gilt in Österreich das Tierver­suchsgesetz 2012 (TVG 2012), das die EU­ Richtlinie umgesetzt und die Vorgängerrege­lung aus dem Jahr 1989 abgelöst hat. Weitere Verbesserungen zum Tierwohl kamen mit der ab 1. Juni 2016 in Kraft getretenen Tierversuchs­-Kriterien-Katalog-­Verordnung um eine Schaden-Nutzen-Analyse durchzuführen. [Quelle: vetmeduni] In der Praxis wird das Gesetz, das Tiere und auch Menschen schützen sollte nicht angewendet. Die Pyrogentests an Kaninchen sind eigentlich nach dem Gesetz verboten, weil es schon lange tierversuchsfreie Alternativen gibt. Sie finden leider immer noch statt in Österreich. Warum wurde kein einziger Versuch an Tieren unterlassen, seit der Erstellung des Katalogs? Gegen den gemeinsamen Konsens in der Bevölkerung sind 36 laufende Tierversuche zur Steigerung der Effizienz in der Massentierhaltung genehmigt worden. Zum Beispiel wird untersucht wie t die Eierproduktion noch stärker erhöht werden kann  oder wie Puten und Hühner noch mehr Fleisch ansetzen können. Der Profit wird über das Wohlergehen der Tiere gestellt. Wobei uns spätestens nach der Vogelgrippe, Schweinegrippe, BSE  und Covid-19  uns klar sein sollte, dass Massentierhaltungen Pandemien fördern, schlecht für die Umwelt und katastrophal für den Tierschutz sind.  Welchen Nutzen haben diese Versuche? Tierversuchslabore werden nicht transparent kontrolliert, und Versuche werden auch nicht evaluiert. Tierversuche werden in Österreich wie Staatsgeheimnisse behandelt, es gibt keinerlei offen einsehbare Informationen darüber, welche Versuche in unserem Namen und mit unseren Steuergeldern durchgeführt werden. Nicht nur, dass die Genehmigungskompetenz für Tierversuchsanträge auf neun Landesregierungen und das Wissenschaftsministerium aufgeteilt ist, die betreffenden Beamten beziehungsweise die fachliche Beratungskommission sind zur Geheimhaltung verpflichtet und bekommen einen Maulkorb verpasst. Genausowenig gibt es aktuelle Fotos oder Filme über Tierversuche in Österreich: Mit Alarmanlagen, Stacheldraht und Infrarotkameras wird jeder unerwünschte Besuch ferngehalten. Hat man etwas zu verbergen? [Quelle: Standardkommentar, Anna Geisler ist Biologie- und Fennistikstudentin an der Universität Wien]

Tierversuche sind nicht mehr zeitgemäß und eine Beleidigung der Wissenschaft

Nach dem Ausbruch der Sars-Cov-2 Pandemie, wurde direkt danach mit der Forschung an einem Impfstoff gearbeitet. Es wurden Flughunde und Frettchen eingeflogen, um nach dem Wirkstoff zu suchen.

Tierversuche sind eine Respektlosigkeit vor dem Leben der Tiere. Sie haben für den Menschen keinen Nutzen, insbesondere schadet die Tierversuchsstrategie in der Forschung den Menschen. Tierversuche sind Geld- und Zeitfresser. Dem Verein Ärzte gegen Tierversuche e.V. zufolge sind diese Forschungsmethoden höchst ungeeignet, um schnell und effektiv zur Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen oder zum Verständnis humaner Krankheiten- und Infektionsprozesse beizutragen. Dies liegt an der Langwierigkeit, der niedrigen Durchsetzungsfähigkeit und der hohen Fehlerrate. All diese Nachteile können uns in der Krisensituation zum Verhängnis werden. Die Fehlerquote bei Atemwegserkrankungen liegt bei fast 90%.  Dies hat zur Folge, dass 90% der Medikamente nicht auf den Markt kommen. Viele an Tieren erprobte Medikamente müssen aufgrund von Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen werden, weil Versuche an Tieren zu Fehlschlüssen führen. Allein in Deutschland sterben 58.000 Menschen an den Nebenwirkungen von Medikamenten, weil die Ergebnisse aus den Tierversuchen nicht auf den  Menschen übertragbar sind.

An vielen Tieren werden Versuche durchgeführt  ohne jeden Nutzen. ÄrztInnen und ForscherInnen kritisieren die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen. Die Fehlannahmen sind zurückzuführen auf die unterschiedliche Anatomie. Auch wenn das Erbgut von Affen und Mäusen weitgehend übereinstimmen mit dem des Menschen ergibt sich keine mathematische Gleichung, denn die Steuerung der Genen ist unterschiedlich. Deshalb sind die Gelbsuchtforschungen in Österreich 1979 bis 1999 an Menschenaffen gescheitert. Denn im Laufe der Evolution hat es diesbezüglich drastische Änderungen und Anpassungen gegeben. Welche Gene aktiviert werden oder auch nicht bzw. wie sie sich gegenseitig beeinflussen, unterscheidet sich sehr stark zwischen Mensch und Tier. Deshalb bewirken auch die etwa vier Prozent Unterschiede im Erbgut zwischen Mensch und Schimpanse („Menschenaffe“), dass letzterer nicht an Hepatitis B, Malaria oder AIDS erkranken kann. Nicht nur im Erbgut finden sich für die Forschung relevante Unterschiede, auch in der Entwicklung und im Aufbau ihrer Gehirne. Trotz der massiven Unterschiede und der Fehlannahmen hat sich das Tierversuchsmodell als Standard in der Wissenschaft etabliert. [Quelle: Ärzte gegen Tierversuche e.V.]

Für die Wissenschaft sind die Ergebnisse aus Tierversuchen daher unzuverlässig und erschweren auch den Weg ein für den Menschen geeignetes Medikament zu finden. Nicht nur führen die anatomischen Unterschiede zu Fehlschlüssen, sondern auch Variablen wie Umwelt, Tierhaltung  und genetische Faktoren spielen eine Rolle im Ergebnis. Tierversuche sind in der Regel schlecht reproduzierbar. Sobald eine Maus anders gehalten wird, verändern sich die Ergebnisse wieder. Bei einem Computer ist es egal ob erauf dem Tisch steht oder auf dem Boden. Bei der Maus kann das den Stresspegel anheben und Stress führt wieder zu anderen Ergebnissen.

Die Erfolgsquote bei Medikamenten ist sehr schlecht, bei allen Wirkstoffen für Medikamente, schaffen es nur 5 % sicher auf den Markt laut einer Studie. Das liegt eben an der mangelnden Übertragbarkeit der Tierversuche. Deshalb muss die Forschung aus Tierversuchen aussteigen. Österreich muss mit der EU für einen Verbot der Tierversuche stimmen. Es müssen zuverlässige, sichere Alternativen geschaffen werden.

Die Forschung braucht dringend eine höhere finanzielle Förderung von tierversuchfreien menschenfokussierten Methoden. „Lunge auf einem Chip“ – mit solchen Modellen lassen sich menschliche Organe nachbauen. Sind die Kanäle mit mikrofluider Flüssigkeit verbunden, lassen sich mit solchen Modellen Tierversuche ersetzen. In wenigen Jahren könnte schließlich der „Human-on-a-chip“ verwirklicht werden, der den ganzen Menschen in Form von vernetzten Miniorganen, die jeweils aus Kulturen verschiedener Zellenarten bestehen, repräsentiert. Damit würden sogar patientenspezifische Tests möglich sein, indem man diesem Stammzellen entnimmt, die dann zu Organoiden entwickelt werden.

Diese Methode ist wesentlich aussagekräftiger als jeder Tierversuch: Es werden menschliche Zellen verwendet, es lässt sich die Anwendung standardisieren und damit reproduzieren, und es sind sogar patientenspezifische Aussagen möglich, also ob der Tumor einer gewissen Patientin auf eine gewisse Chemotherapie ansprechen wird oder nicht.  Somit ist hier sogar personalisierte Medizin möglich und erspart den Patienten viel Leid.

Diese Chip-Systeme führen zu logischen, rationalen, spezifischen Ergebnissen im Gegensatz zu Tierversuchen.  Diese neue Methoden sind noch stark entwicklungsfähig,damit bald mehrere Organe mit Nervensystemen nachempfunden werden können. Es gibt viele Ansätze zur Optimierung, aber die entsprechenden Institutionen müssen auch ausreichend finanziell gefördert werden.

Manche Forschungslabors verwenden für die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19 bereits tierversuchsfreie Methoden, die zuverlässige Ergebnisse bringen. Es gibt einen Hoffnungsschimmer für effiziente Forschung und auch für die Tiere.

foto: Von TheAnimalDay.org – JALX12X02-4520, CC BY 2.0, [https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45354947]

Share Button